Demokratie oder Leistung oder die Quadratur des Kreises.

Angenommen die deutsche Schulpolitik würde sich in der Ausbildung zur Lehrerin befinden und müsste eine ausführliche Unterrichtsplanung schreiben und ihre methodischen Entscheidungen didaktisch begründen. Angenommen das Ergebnis würde mit derselben Präzision betrachtet, mit der Ausbildende an Seminaren ihre auszubildenden Junglehrerinnen und Junglehrer bewerten. Angenommen wir blieben gedanklich nur bei der theoretischen Ausarbeitung und lassen die „Performance“, die Ausübung der Stunde an sich, mal außer Acht. Für diese schriftliche Arbeit würde ich der deutschen Schulpolitik die Note „mangelhaft“ geben.

Für die Begründung möchte ich mich vor allen Dingen auf die Zielformulierungen und die dafür ausgewählten Methoden konzentrieren. Und möchte auf einen Widerspruch hinweisen, der geklärt werden sollte.

„Gesamtlernziel / Grobziel“

Ein Grobziel ließe sich so formulieren:

„Die Schulen in Deutschland können ihre Bürgerinnen und Bürger ‚zum vernetzten und nachhaltigen Lernen insbesondere in den Feldern Demokratieerziehung, Friedensbildung und kulturelle Bildung‘ heranbilden.“

Diese Worte aus dem Bildungsplan BW für Gesamtschule 2016 werden dort als „Bildungsziele“ benannt und in „Leitperspektiven“ untergliedert.  Das Vorwort liest sich einer Demokratie angemessen. Es geht u.a. um die großen aktuellen Themen:

  • Bildung für nachhaltige Entwicklung,
  • Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt
  • Prävention und Gesundheitsförderung.

Aber auch um „Themenspezifische Leitperspektiven“:

  • Berufliche Orientierung
  • Medienbildung
  • Verbraucherbildung

Klare Ziele. Sehr gut strukturiert und mit Kürzeln versehen, so dass jede/r weiß, wovon gesprochen wird.

Diese Zielformulierungen sind mEn gut und richtig geschrieben. Würden die Großziele (aber auch die Feinziele) erfolgreich vermittelt, hätten wir der Demokratie würdige Menschen herangebildet.

„Methodische Vorüberlegungen“

Insgesamt steuert die Bildungspolitik in der Theorie in eine Richtung, die sich an meinem Verständnis von Demokratie orientiert: Der Mensch ist nach der Schule in der Lage weiterzulernen, seinen eigenen Weg weiterzugehen wie er das für richtig hält und dabei auf seine Mitmenschen zu achten und weiß sich mit ihnen konstruktiv auseinanderzusetzen.

Analysiert man die oben genannten Ziele (verkürzt: individuelles Lernen, lebenslanges Lernen, soziales Lernen) und macht sich Gedanken, wie sie zu erreichen sind, kann man den lern- und neurowissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahre und Jahrzehnte dankbar sein. Auch das, was mit dem Thema Inklusion auf den Weg gebracht wurde, zielt in diese Richtung. Es gibt genügend Methoden und Werkzeuge, Seminare und Fortbildungen, Schulraumkonzepte und vernetzte Gruppen, die auch in diese Richtung denken, gedacht sind und arbeiten. Methoden gibt es viele, die man nur anwenden muss.

Die diametrale Methodenwahl

Die Schulpolitik wählt für ihre vermeintliche Zielerreichung eine andere Methode: den Leistungsvergleich mithilfe von Verordnungen.

Die Verordnungen, die die Kultusministerien veranlassen, gibt es zu den Themen Klassenarbeiten, Notengebung, Versetzung und Wiederholung, Zeugnisse, Vergleichsarbeiten. Hierbei bekommt Schule eine andere Orientierung.

Im oben erwähnten Bildungsplan taucht das Wort „Leistung“ zehnmal auf. Zweimal im Nachwort und sonst fast immer nur in Verbindung mit dem Wort „individuell“. Die Verordnungen, daher die Methoden, mit denen Schule durchgeführt wird, sind jedoch durchzogen mit Leistungsbeurteilungen und Leistungsvergleichen, mit Kontrolle und Vereinheitlichungen.

Das Dilemma: die Verordnungen sind das Maß, an das sich Lehrerinnen und Lehrer zunächst zu halten haben. Sie sind so klar geregelt, dass sie meist überprüfbar sind. Anzahl der Klassenarbeiten, einheitliche Vergleichsarbeiten in Klasse xy, Versetzung bei Notendurchschnitt xy, etc.

Passt diese Methode, daher: passen diese Verordnungen zu den Großzielen der Bildungspläne? Wenn ja, dann bedeutet das für die Lehrerinnen und Lehrer die Quadratur des Kreises unter finanziell-strukturell schlechten Bedingungen. Wenn nein, dann ist entweder die Methode oder das Ziel falsch gewählt.

Marktkonforme Schule oder demokratiekonforme Schule?

Der Soziologe Wilhelm Heitmeyer spricht hier unter anderem vom Unterschied  zwischen einer „marktkonformen Demokratie“ und einem „demokratiekonformer Markt“.

Auch das System Schule ist mEn eine marktkonforme Bildungseinrichtung.

Wenn man nur die Verordnungen und das Alltägliche, an der Oberfläche existierende Leben in Schulen betrachten würde, käme man vermutlich nicht auf den Gedanken, welch grundlegende Ziele im Bildungsplan formuliert sind. Auf der praktischen, gelebten und erlebten Ebene von Schule geht es für alle Beteiligten um Leistung. Mit den Zielen individuelles Lernen, lebenslanges Lernen, soziales Lernen hat diese Ausübung von Schule nicht viel gemein. Nein, diese Form von Schule hingegen passt fast (!) perfekt zu einer marktkonformen Demokratie.

Wie löst man diesen Widerspruch auf?

Entweder man lässt ihn bestehen. Er liest sich gut in der Theorie, er ist geordnet und strukturiert in der Praxis und man kann sich gut vergleichen mit allen anderen Leistungssystem weltweit. Die Note „mangelhaft“ in Unterrichtsplanung: geschenkt. „Merkt ja eh keiner mehr hinterher, was du in der Praxis machst“, so ein typischer Satz in der Lehrerinnenausbildung.

Ich, als Lehrer, kann jedoch in diesem Widerspruch nicht arbeiten. Gerade weil ich in meiner Ausbildung gelernt habe, zielorientiert und methodisch-didaktisch genau zu arbeiten.

Um arbeiten zu können benötige ich Klarheit: Wenn die bisher existierende Methodik beibehalten werden soll, dann wünsche ich mir andere Bildungspläne. Das Wort „Leistung“ muss darin klar als Ziel benannt werden. Man sollte klar und ehrlich formulieren, dass es um eine marktkonforme Erziehung geht: um Kreativität und Individualität mit dem Ziel dadurch ein einzigartiges verkaufbares Produkt erschaffen zu können; um gute Noten mit dem Ziel auch später im internationalen Wettkampf stark, erfolgreich und vermarktbar zu bleiben; um bei Pisastudien mindestens auf Platz xy zu landen; etc.

Wenn jedoch tatsächlich der Bildungsplan Grundlage für meine Arbeit sein soll, dann gehört ein Großteil der Verordnungen abgeschafft. Ich möchte nicht bei jedem neuen Ländervergleich neue Verordnungen oder erschreckte Aufschreie. Ich möchte die Möglichkeit mitzubestimmen, gemeinsam mit meinen Schülerinnen und Schülern und meinen Kolleginnen und Kollegen, wie wir unsere demokratiekonforme Schule gestalten möchten und wie Bildung in unserer Gesellschaft aussehen soll. Nur dann kann Schule,  zumindest meinem professionellen methodisch-didaktischen Denken nach, die Ziele individuelles Lernen, lebenslanges Lernen, soziales Lernen erreichen.

 

konstruktiv-realistisches-PS.: Wenn wir wirklich die Quadratur des Kreise möchten, und Demokratie und liberale Marktwirtschaft in einen sinnvollen Einklang bringen wollen, dann wünsche ich mir einen ehrlichen Diskurs über die existierenden Widersprüche – und das auf der Grundlage der Freiheit zu entscheiden, ob ich, als Schülerin und Schüler und Lehrerin oder Lehrer, überhaupt mitspielen möchte, in diesem Leistungswettbewerb.

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