Praxisbeispiel: Die Organisation der Schulfahrt

Teil 1: Die Schulfahrt

Letztes Jahr wurde ich als einer von drei zuständigen Lehrern für die Schulfahrt der Klassen 8-10 eingeteilt. Wenige Wochen nach Schuljahresbeginn klebte ein Plakat im Flur: „Mittwoch, Schulfahrten-Treffen in der Pause um 10.15 Uhr, großer Raum“

Als ich zu genannter Uhrzeit in den großen Raum trat, saßen dort bereits ca. 30 Schülerinnen und Schüler. Ein Schüler moderierte die Runde an.

Das erste Thema betraf die Frage, ob dieses Jahr die Achter mit den Neuner und Zehnern gemeinsam auf die Abschlussfahrt fahren dürften. Letztes Jahr war das so gewesen, aber ein Großteil der Zehner wäre gerne nur mit den Neuner gefahren. Nach einigem Austausch wurde darüber abgestimmt und beschlossen, dass die Achter erneut mitfahren dürfen.

Dann wurde die Bitte geäußert, dass bis zum nächsten Treffen in zwei Wochen Vorschläge eingereicht werden sollten, wohin die Schulfahrt dieses Jahr gehen solle.

Dann war fertig. Ich war etwas überrascht. Ich fühlte mich ja als Zuständiger, jetzt hatten jedoch SchülerInnen den Stein ins Rollen gebracht.

Zwei Wochen später kam ich erneut zur vereinbarten Zeit in den Raum und fand dieses Mal einen aufgebauten Beamer, Leinwand und viele Schülerinnen und Schüler vor.

Die erste Schülerin schloss einen in der Schule ausgeliehenen Laptop an und stellte einen Campingplatz am Atlantik als mögliches Reiseziel vor. Sie zeigte ein paar Bilder, referierte über mögliche Ausflugsziele und hatte ausgerechnet, was der Campingplatz in etwa pro Person kosten würde. Inklusive Busfahrt.

Nach diesem Beispiel wurden noch zwei weitere Ausflugsziele von zwei Kleingruppen vorgestellt. Diese hatten auch schonmal die Campingplätze (einer in Italien, der andere an der Ardèche) angeschrieben, ob denn Platz wäre und was es für eine Gruppe dieser Art kosten würde.

Es gab noch ein paar offene Fragen, u.a. zum Preis, und die Entscheidung wurde auf ein Treffen in zwei Wochen vertagt.

Die dann dort stattfindende Abstimmung und die anschließende Diskussion fand ich bemerkenswert:

Das abgestimmte Ergebnis ergab, dass man an die Ardèche fahren würde. Das Problem: Es war der Wunsch der meisten Achter gewesen. Die meisten Zehner wären gerne an den Atlantik. Jetzt entbrannte ein hitziges Gespräch, gut moderiert und koordiniert von einem Schüler. Die Zehner meinten, es wäre ja ihre letzte Fahrt und sie haben solidarisch die Achter mitgenommen und das Ergebnis wäre durch ihre Mehrstimmen jetzt jedoch zu ihren Ungunsten ausgefallen. Und ob sich die Achter nicht vorstellen könnten doch nochmal umzudenken, schließlich hätten sie ja noch zwei weitere Jahre Zeit für Schulfahrten, sie selbst jedoch nicht. Ein Achter entgegnete zunächst klar: „Wir haben jetzt demokratisch abgestimmt und so ist das Ergebnis eben.“ Dann folgten viele Kommentare und Meinungen.

Am Ende kam man jedoch zu der Lösung nach Italien zu fahren. Es wurde darüber erneut abgestimmt. Das Ergebnis dann fast einstimmig.

Bis zu diesem Zeitpunkt, hatte keiner meiner Kolleginnen und Kollegen sich großartig eingemischt. Höchstens an dem ein oder anderen Punkt in den Diskussionen seine oder ihre Meinung geäußert.

Ich war beeindruckt. Das Beeindruckende jedoch war, dass der Rest der Organisation so verlief:

Es wurde alles in Arbeitsgruppen eingeteilt. Über das Büro buchte ein Schüler den Bus. Eine Gruppe kümmerte sich um einen Kochplan. Eine andere Gruppe war für die Organisation der Küchenutensilien zuständig (Kocher, Töpfe, ec.). Eine andere Gruppe erstellte den Küchendienstplan. Eine Schülerin schrieb die Packliste und einen Infobrief an die Eltern. Undsoweiter.

In einem Treffen wurde auch das Thema Regeln und Umgang mit Rauchen oder Alkohol diskutiert. Auch wenn ich anders argumentierte, entschieden sich die Jugendlichen dazu, dass wer raucht oder trinkt auf eigene Kosten nach Hause fahren müsse. Die Schülerin ergänzte diese Regel in ihrem Infobrief an die Eltern mit der Bitte um deren schriftliche Zustimmung.

An einzelnen Punkten holten die Schülerinnen und Schüler sich Unterstützung von einem von uns Lehrern. „Kannst du mal auf den Infobrief schauen, ob ich was vergessen habe oder noch Rechtschreibfehler drin sind?“ „Habt ihr noch eine Ahnung, wo man Gaskocher ausleihen könnte?“ Die Gruppe, die sich bereit erklärt hatte, bei Abfahrt schon um 5.30 Uhr an der Schule zu sein, um alle Sachen raus an die Straße zu stellen, damit der Bus nur noch einladen müsse, fragte, wer von uns Lehrern auch schon früher kommen könne, um die Schule aufzuschließen.

Soweit. Das der Rest der Fahrt ähnlich verlaufen ist und wunderbar gewesen ist, muss ich an dieser Stelle nicht ausführen.

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