Kraft & Gewinn des Begrenzens und des Ermöglichens

Vom gesellschaftlich Legitimierten aufgestellte Regeln paternalistisch einzufordern ist mühe- und kraftvoll für den Paternalistischen, unterfordernd und unfrei für den zum Erziehenden gemachten Menschen. Die Kraft, die für das Einfordern von Grenzen und dem Einhalten von Regeln aufgebracht werden muss, braucht gesellschaftliche Machtlegitimation (Ich bin dein Vater, Ich bin deine Mutter, Ich bin hier der/dein Lehrer, etc.), jahrelange Ausdauer durch ständiges Reiben am Gleichen und die Überzeugung, dass die vom jeweiligen Legitimierten aufgestellten Regeln gut sind für alle die dem Legitimierten zugewiesenen Subjekte. In diesem Bestehenden kämpfen Legitimierte und Nicht-Legitimierte den gewohnten Kampf um Macht und Auflehnung. Der Legitimierte legitimiert es für sich mit „Das ist Erziehung“: Erwachsene begrenzen, Kinder akzeptieren, Jugendliche lehnen sich solange auf, bis sie durch den Prozess der Auflehnung und Alter/Rolle selbst zu Legitimierten werden gegenüber „ihren“ Nicht-Legitimierten. Sie selbst bleiben nur in neuen Systemen (als ArbeitnehmerIn) weiterhin Nicht-Legitimierte. Diesen Dualismus (er-) tragen die Subjekte dieser Gesellschaft, diesen Kampf an Grenzen „für“ („für“, da sie es mit Lernen und natürlichem Wachstumsprozess legitimieren) die „unten“ und gegen die (da) „oben“.

Die notwendige Kraft bzw. hier vielmehr Gewalt, die für das Aufrechterhalten von Grenzen, in denen nichts als Selbsterhalt ausserhalb des Systems nutzloser Grenzen gelernt wird, ist mindestens so kraftaufwändig für den Legitimierten, wie die Kraftaufwendung für dem entgegen gerichtetes Handeln des gemeinsamen Ermöglichens – nur dass darin vielmehr Lernen, Entwicklung, etc. außerhalb des Bekannten stattfindet. Durch ein Handeln des gemeinsamen Ermöglichens erforschen alle Beteiligten im System das Unbekannte. Das gemeinsame Finden von Lösungen, die nicht auf Kompromissen beruhen (diese „Ergebnisse“ befinden sich innerhalb der Grenzen der Beteiligten eines Systems), liegt außerhalb des Denkbaren für ein Subjekt alleine. Eine Lösung beim wirklichen Eingehen auf die Meinungen und Ansichten der Beteiligten (oder auch auf die Sache) ist (meist) außerhalb des zunächst Gedachten zu entdecken. Diese Lösung bedarf immer Aufbruch in Neues, worin „Lern“-möglichkeiten, vielmehr: experience liegen.

Die aufgewandte Kraft des gemeinsamen Ermöglichens, die für das Ausdiskutieren von zunächst gegensätzlichen Positionen, das erste Ausjustieren, das Nachjustieren, das über das Justierte hinausgehen und dann das Entdecken des Darüberliegenden notwendig ist, ist nicht mehr oder geringer als die notwendige Kraft zum Erhalt des irgendwann justierten und zum Mauer-Stillstand verdammten Regelwerks eines „Legitimierten“. Der Gewinn jedoch, dass aus dem nicht-legitimierten ein legitimiertes Subjekt seines eigenen Handels wird, ist weiterhin vorhanden; nur darüber hinaus erfährt es, dass seine sozialisierte Aufgabe daher nicht das Aufrechterhalten von Bestehendem (Legitimierte „vs.“ Nicht-Legitimierte) ist, sondern dass Kraft und Reibung notwendig sind, um gemeinsam die alltäglichen Aufgaben und dann auch die größeren Probleme des gesellschaftlichen Lebens zu lösen und dass der Gewinn dieser Anstrengung das Erschaffen neuer Erfahrungsräume ist, die gemeinsam von Ermöglichenden be-lernt und bespielt werden können. Dadurch löst sich das paternalistische Moment auf und auch der „Legitimierte“ kann (wieder) selbstständig handelndes (und lernendes) Subjekt werden.

In Grenzen lernt man nichts, als ohnehin Bekanntes und die Grenzen des gegenüberliegen Systems kennen. Ein „Nein“ ist einfach zu sagen, wenn auch deren notwendige Repetition Kraft- und Gewaltaufwand bedeutet. Ein „Ja, und…“ benötigt Kraft und ermöglicht die gewaltfreie Erfahrung unerwartet Un-Bekanntes zu finden.
Die gewonnene Handlungshaltung des Ermöglichens ist zeitlos und bringt gegenüber den Herausforderungen der natürlichen gesellschaftlichen Veränderungsprozesse keine (politischen) Grenzen hervor, sondern etwas (noch und immer wieder) Unbekanntes. Und ist genauso kraftaufwändig wie das Begrenzen.

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