Konflikte in der Schule gemeinsam lösen: Justizkomitee / „Kläranlage“

Wir haben an unserer Schule ein interessantes Werkzeug, mit dem wir Konflikte lösen. Da ich es als sehr bereichernd auf sehr vielen Ebenen finde, möchte ich es hier kurz vorstellen.

Grundlegendes Miteinander

Generell gilt „Spielstopp“ als Zeichen von „Mir ist das, was hier gerade geschieht, zu viel!“. Es ist vereinbart, dass dann die Handlungen von beiden bzw. allen Beteiligten unterbrochen werden müssen.

Das funktioniert natürlich nicht immer. Manchmal vergessen Kinder oder auch Erwachsene das Zeichen im emotionalen Eifer des Schulalltags, im schon fortgeschrittenen Streit oder das Gegenüber reagiert nicht auf das Signal.

Streitschlichter & Anzeigezettel

Kommt es nach einem Spielstopp nicht zum einvernehmlichen Auflösen des Streits oder eine Seite fühlt sich durch die Handlung des Anderen ungerecht behandelt, kann die Person eineN StreitschlichterIn rufen.

Es gibt in der Schule ca. 12  von der Schulversammlung bestätigte und ausgebildete StreitschlichterInnen bei etwa 150 SchülerInnen und etwa 20 TeamerInnen. Diese SchülerInnen bekommen in einem über mehrere Wochen stattfindenden Ausbildungskurs eine Schulung im Umgang mit Konflitklösung, Gesprächsführung und Deeskalationsmaßnahmen.

Derdie gerufene StreitschlichterIn versucht den Streit oder das Problem akut zu lösen. Sollte das aufgrund von zu hohen Emotionen oder sonstigen Gründen im Moment nicht möglich sein (oder es liegt eine tiefere Verletzung vor), darf derdie StreitschlichterIn Beschwerdeformulare/Anzeigezettel aushändigen.

Auch bei Regelbrüchen, die quasi keine Streitschlichtung benötigen, bekommen die SchülerInnen und TeamerInnen Anzeigezettel von den StreitschlichterInnen ausgehändigt.

Die ausgefüllten Anzeigezettel werden in einen dafür vorgesehenen Kasten geworfen. Jüngere oder neue SchülerInnen werden beim Ausfüllen unterstützt.

Auch Außenstehende oder BeobachterInnen eines Konflikts können sich ein Beschwerdeformular holen und ausfüllen, wenn sie einen Vorfall als besprechenswert einstufen.

Die Kläranlage

Zweimal pro Woche findet die Kläranlage statt. Eine für die Grundschule, eine für die Sekundarstufe. Dafür ist jeweils ein Unterrichtsblock (90 Minuten) vorgesehen. In beiden Kläranlagen ist der folgende Ablauf der gleiche, nur, dass bei den GrundschülerInnen die TeamerInnen deutlich mehr begleitende und unterstützende Funktionen übernehmen.

Die Kläranlage besteht aus vier Menschen: zwei SchülerInnen und zwei TeamerInnen. Diese teilen sich die Rollen (Gesprächsleitung, ProtokollantIn, Beisitzenden) je nach Bedarf ein. Generell sind alle vier gleichberechtigt. Zudem gibt es zwei HolerInnen. Ein Holzkästchen mit allem notwendigen Dingen (Ablauf der Kläranlage, Schulregeln, Karteikarten, Stiften, für die Jüngeren Rollenkarten, etc.) steht bereit.

Zu Beginn des Blocks werden die ausgefüllten Anzeigezettel aus dem Kasten genommen, chronologisch sortiert und den HolerInnen wird der erste Anzeigezettel ausgehändigt. Diese suchen und holen nun die am Fall beteiligten SchülerInnen undoder TeamerInnen. Es wurde vereinbart, dass die Kläranlage Vorrang hat; daher können Kinder und TeamerInnen aus dem Unterricht geholt werden.

Wenn alle Beteiligten in der Kläranlage sind, beginnt die Verhandlung des Falls.

Meist wird derdie Anzeigende zur Schilderung seiner Sicht auf den Streit, das Problem, die Auseinandersetzung, die Handgreiflichkeit, den Regelbruch etc. aufgefordert. Im Anschluss ist derdie Angezeigte mit seiner Wahrnehmung dran. Im ersten Teil geht es meist darum, die beiden Ansichten abzugleichen und sich auf eine gemeinsamen Tathergang zu einigen. Das kann manchmal sehr schnell gehen, manchmal führt es aber auch zu Diskussionen oder Widersprüchlichkeiten. Die Gesprächsleitung und ggf. die Beisitzenden versuchen das Gespräch durch Redeleitung oder Paraphrasieren des Gesagten gut zu koordinieren.

Wenn sich die Beteiligten (einigermaßen) einig sind, geht es um die Lösung des Konflikts. Hierbei reicht die Palette von Wiedergutmachungen (z.B. Kuchen backen), Strafen (z.B. Arbeitsstunden), Konsequenzen (kaputt gemachtes wieder reparieren), Verwarnungen, Entschuldigungen bis zu „Sich-aus-dem-Weg“ gehen. Hierbei ist wichtig, dass auch derdie Angeklagte mit dem Vorschlag oder dem Wunsch des Anzeigenden einverstanden ist. Immer wieder kommt es zum Aushandeln einer passenden Lösung.

Gegebenenfalls kann auch die Kläranlage ihre Meinung einbringen, wenn z.B. bei einem Schüler bereits mehrfach derselbe Regelverstoß stattgefunden hat und eine Verwarnung ausgesprochen wurde.

Sobald beide bzw. alle Beteiligten auf Nachfrage die Sache als geklärt erachten, ist der Fall abgeschlossen.

Die Ergebnisse werden in einem Karteikastensystem protokolliert, unterschrieben und archiviert.

Das Nachspiel

Die Kläranlage ist dafür verantwortlich entsprechende Aushänge über Computerverbote oder ähnliches an dafür vorgesehenen Pinnwänden auszuhängen. Auch die als Strafe verhängten Arbeitsstunden trägt die Kläranlage in die dafür vorgesehen Listen ein.

Derdie SchülerIn hat nun zwei Wochen Zeit, die Arbeitsstunden abzuarbeiten, bevor sie automatisch in die Schulversammlung geladen werden, um sich dort zu rechtfertigen, wieso sie die Stunden nicht geleistet haben.

Mögliche Arbeitsstunden (Klo putzen, Ofen reinigen, Müll einsammeln, etc.) werden von einer „Good-Job-AG“ ausgewählt, ausgehängt und können jederzeit gemacht werden. Gemachte Arbeitsstunden werden von einemr TeamerIn oder einem Mitglied der Good-Job-AG als erledigt abgestempelt.

Die pädagogische Metaebene

Da wir generell versuchen den Kindern und Jugendlichen auf Augenhöhe zu begegnen und auch jegliche Abläufe, Abmachungen, Regeln etc. ohnehin mit den SchülerInnen gemacht, verbessert und wieder abgeschafft werden können, ist es nicht so einfach und auch mEn nicht immer angebracht, überall ein pädagogisch wertvolles Moment zu sehen.

Dennoch ist es natürlich so, dass die SchülerInnen überall eine angemessene Unterstützung und Begleitung erhalten, sich (in diesem Fall) diesem System zu nähern und es zu nutzen. Das Kennen und Nutzen von vorhandenen Strukturen und gemeinsam vereinbarten Regeln ist uns als demokratische Gemeinschaft wichtig. Auch die Begleitung Änderungswünsche oder Ideen zu formulieren und entsprechend in der Schulversammlung vorzustellen.

So ist auch die Kläranlage mEn ein wertvolles Organ der Schule, um Konflikten früh und mit dem nötigen Tiefgang (!) zu begegnen. Das dabei nebenher das Ausformulieren von subjektiven Sichtweisen, das (auch mühevolle) Ausdiskutieren von Ansichten, die Notwendigkeit von Lösungen, die Konsequenz des eigenen Handelns durch die Einschränkung oder Verletzung am Gegenüber oder durch einen Regelbruch, das Protokollieren, das Anzeigen an sich, etc. gelernt wird, empfinde ich dabei als ein gutes Plus.
Anders als bei Klassenratssitzungen wird auch das Persönlichkeitsrecht der Beteiligten nicht verletzt und jedeR Fall wird nicht gleich zum erhobenen Zeigefinger, bei dem derdie LehrerIn nochmal nachdrücklich nickt.

Besonders wertvoll sehe ich generell die Rolle der TeamerInnen: Sie sind nicht die Instanz, die bei Konflikten reagieren oder sie lösen müssen . Das ist in unserer Gesellschaft auch nicht perse die Polizei, sondern jedeR BürgerIn.
Auch als KläranlagenbeisitzerInnen beteiligen wir uns nur, wenn ein Konflikt sich zu verheddern droht oder wenn ein.e TeamerIn sich unbedingt einbringen möchte. Durch das Anzeigesystem sind auch SchülerInnen vor Übergriffen von TeamerInnen geschützt. Auch sie können und werden angezeigt. Das rückt den Konflikt und die Lösung in den Mittelpunkt, bei Wahrung der subjektiven Ansichten eines jeden Beteiligten. Aus konstruktivistischer und systemischer Sicht mEn großartig.

Die Regelschulebene

Woher die Zeit nehmen? Wie, aus dem Unterricht rausnehmen? Aber der Unterricht der ausfällt? Was, das stellt meine Autorität als LehrerIn ja völlig in Frage!

Ich verstehe die Einwände und kann mir vorstellen, dass die Einführung eines  ähnlichen Systems sehr schwierig sein kann. Dennoch: der Aufwand lohnt sich mEn. Ohnehin geht viel Zeit durch Streit, Trainingsraum, RektorInnen-Autoritäts–Besuche, Elterngespräche, Klassenratsrunden, etc. „verloren“. Ein Miteinander ist immer konfliktbehaftet und das Wachsen von stabilen Beziehungen durch Konflikte bedeutet Zeit. Kinder werden ohnehin ständig aus dem Unterricht in Trainingsräume zitiert, wo sie standardisierte Formulare ausfüllen müssen. Zudem findet informelles Lernen en masse statt: Erörterungen von Lösungen, Stellungnahmen zum Geschehenen, Schreibanlässe, Organisation von Arbeitsabläufen, Gesprächsführung, etc. Zudem können (!) großer werdende Probleme (z.B. Mobbing) dadurch früh erkannt und geklärt werden.
Der Einwand, das die Autorität von Lehrkräften in Frage gestellt wird, lasse ich nicht gelten. Autoritär agierende Lehrkräfte sollten sich in einer demokratischen Gesellschaft selbst in Frage stellen.

Generell sollten sich jegliche Konfliktlösungssysteme aus dem jeweiligen Schulsystem heraus entwickeln. Daher: ich gehe davon aus, dass jede Schule ihr eigenes System benötigt. Eine Frage aus dem lösungsorientierten Arbeiten kann vermutlich helfen: Wie wurde schonmal bei uns ein schwerwiegender Konflikt erfolgreich (alle Beteiligten sind zufrieden mit dem Ergebnis) gelöst? Möglicherweise kann das eine Blickrichtung sein.

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