Vom Loben und Bewerten

Der Aussage, dass Lob das bessere Feedback als nur negative Kritik ist, kann ich gut zustimmen. Oft genug bekommen Menschen im Alltag, auf der Arbeit und auch in der Schule keine Rückmeldung, bis sie etwas „falsch“ gemacht haben. Dann wird sie geäußert. Von daher finde ich viel bewusstes Loben besser.

Dennoch sehe ich Loben zwiespältig. Gedanklich sehe ich „Lob“ und „negative Kritik“ auf einer Ebene der „Bewertung“  – das eine ist eine „Aufwertung“ und das andere eine „Abwertung“. Wenn ich daher ab sofort von „Kritik“ spreche, meine ich beides, sonst benutze ich „Abwertung“ und „Aufwertung“.

Zwei spontane Kritikpunkte an Kritik:

1. Kritik stört den (Lern-)Prozess des Handelnden

Wenn ein Mensch etwas kocht, schreibt, bastelt, malt oder Tennis spielt, etc. befindet er sich in einem Lernprozess. Stets. Dieser findet zwischen ihm und der Sache, mit der er sich auseinandersetzt, statt. Wenn ein anderer Mensch als „Bewertender“ dazu kommt und Kritik äußert, drängt er sich unvermeidbar in diesen Prozess. Dadurch kommt er als dritte Instanz hinzu. Ob dabei Aufwertung oder Abwertung geäußert wird – er stört das Selbstverständnis des Handelnden und das Handeln erhält eine neue, reflexive Ebene „des Außens“. Natürliches Feedback, das der Lerngegenstand inne hat, wird um ein künstlich und subjektives Feedback erweitert.
Jeder Lernprozess wirft mEn natürliches Feedback ab: der Pfannkuchen verbrennt, wenn er zu lange in der Pfanne ist, ein schlecht gespielter Ball landet im Netz, unsauber Geklebtes fällt auseinander, ungenaues Schreiben beim Rechnen kann zu Rechenfehlern führen, etc. Dieses natürliche Feedback gehört zum Lernen unweigerlich hinzu und ist natürliche Motivation sein Handeln zu überprüfen und beim nächsten Mal zu ändern.  Es gehört zum Selbstverständnis des Handelnden. (Vorausgesetzt der Lerngegenstand interessiert mich tatsächlich!)

Kritik kann dieses Selbstverständnis des Handelns, daher auch des Lernens, stören und schlimmsten Falls beschränken. Ich entferne mich von der natürlichen Auseinandersetzung und bekomme die subjektiven (!) Erfahrungen, Tipps, Meinungen eines anderen Handelnden in meinen Prozess hineingeworfen.

Selbst eine Aufwertung in Form von Lob schiebt sich dazwischen, sie greift steuernd ein. Das gut gemeinte Lob setzt den Rahmen des Bewertenden, was nach seiner Definition „gut“, „außerordentlich“, „beeindruckend“ ist. Für den Handelnden kann es aber einfach nur selbstverständlich sein. Zuviel Rückmeldung kann Handelnde in die Passivität drängen; es scheint fast, als ob der Bewertende es gerne selbst machen würde.

Dennoch finde ich Lob und Kritik wichtig. Aber entweder am Ende eines abgeschlossenen Prozess oder/und nur, wenn der Lernhandelnde darum bittet.

2. Die Bitte um Kritik sollte am Anfang stehen

Lob und auch konstruktiv gemeinte Kritik wird oft ungefragt geäußert.
In Schreibprozessen mancher Lernenden biete ich oft meine Hilfe und mein Feedback an, weise auf mögliche Punkte hin, zu denen ich ein Feedback geben könnte. Der Impuls, die Kritik exakt zu benennen, geht für mich aber vom Gegenüber aus. Selbst ein „Kannst du das mal lesen und mir sagen, wie du es findest“, ist mir zu ungenau. Zu was will die Person ein Feedback? Rechtschreibung? Roter Faden? Inhalt? Grammatik? Und selbst wenn diese Differenzierung und die Bitte geäußert wurde, finde ich Kritik immer wieder knifflig und ich bin sehr vorsichtig damit. Das liegt daran, dass meine Vorstellung von „richtigem Schreiben“ und „guten Texten“ lediglich aus meinem Können, Gelernten, Erfahrenen und dem Feedback, das ich erhalten habe, bestehen.
Gerade im Kontext Schule und Studium erfahren wir oft, was „richtig“ ist. So schreibt man eine Stellungnahme, so benutzt man filmische Stilmittel, etc. Dadurch setzt man einen Rahmen, der auch noch durch Noten bewertet wird. Meist liegt aber hinter diesem „richtig“ erst das, was letztlich zum herausstechenden Erfolg führt. Gerade beim Thema Film könnte ich das gut aufzeigen.
Heute war mein Sohn einkaufen. Er ist zwölf und wollte Chips machen, weil er bei Galileo einen Einblick in eine Chipsfabrikatur bekommen hatte. Er überlegte was er brauchte, ich bat ihn noch um den Einkauf von Milch, er packte, stieg in die Bahn, fuhr in die Stadt, kaufte ein, kam zurück, packte aus, begann zwei Stunden lang in aller Ruhe zu panieren und Chips auszubacken. Ich fand das toll. Und bei der Art, wie er die Chips panieren wollte, dachte ich, das geht niemals und wollte, um ein Versagen zu vermeiden, intervenieren. Es sah aber so aus, als wäre es für ihn selbstverständlich. Muss ich das bewerten, muss ich mich einmischen? Wenn ich ihn lobe, sage ich ja, dass es für mich nicht selbstverständlich ist. Eigentlich kein Problem. Aber geht mich das was an. Bewerte ich auch den Einkauf meiner Frau lobend. Oder bekomme ich von ihr jedes Mal Anerkennung, wenn ich gekocht habe?
Als er mir die Chips zum Probieren gegeben hatte, konnte ich ehrlich sagen: uh, lecker! Und ich war froh beim Panieren nicht eingegriffen zu haben: tatsächlich hatte ich durch sein Experimentieren eine Art des Panierens gelernt, die ich beinahe durch mein „Wissen“ eingreifend verhindert hätte!

Die Bewertung, ob Bewertung notwendig ist, sollte mEn bei der Person liegen, die sie möchte. Dann stimmt auch die Haltung und meine Äußerungen können so angenommen werden, wie die darum bittende Person es möchte bzw. es für ihren Lernprozess gerade benötigt. Das gilt für mich auch und besonders in schulischen Kontexten. Dann geht es meiner Erfahrung nach auch nicht mehr um „Abwertung“ oder „Aufwertung“ sondern um „konstruktive Kritik“. Da macht der Lernprozess Spaß und ich als gefragte dritte Instanz fühle mich sinnvoll verortet im Lernprozess des anderen Menschen und seinem Lerngegenstand.

Das soll kein absolutes Nein zum Loben sein. Aber für mich bedeutet es eben auch Bewertung und sollte wie jede Form von Bewertung vorsichtig benutzt werden. Brauche ich das? Braucht mein Gegenüber das?
Und manchmal sicherlich auch ganz einfach; einfach ehrlich: zb.: „Lecker!“