„Schulbude“ Lerntheke & Coaching

Ich habe vor rund sechs Jahren mit einer Kollegin an meiner ehemaligen Schule (Freiburg, Günterstal, Schubs – Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum Förderung emotionaler und sozialer Kompetenzen) den Unterrichtsmorgen umgekrempelt und das Konzept der „Schulbude“ entworfen.
Ich bin aufgrund derzeitiger Schulentwicklungsfragen an meiner neuen Schule darüber gestolpert und vielleicht interessiert es jemanden von euch und ihr könnt daraus Ideen ziehen.
Anmerkung: Heute würde ich manche Dinge anders gestalten (sowohl inhaltlich als auch vom Layout).

Tagesstruktur

Die Struktur am Unterrichtmorgen teilten wir in drei Phasen ein. Zeitlich flexibel; dennoch nahm die Phase „Durchführung“ den Hauptteil des Vormittags ein.
Durch die Zusammenlegung unserer beiden Klassenzimmer und SchülerInnen hatten wir und die SchülerInnen mehr Flexibilität im Alltag beim gemeinsamen Lernen, Planen und für sonstige notwendige Besprechungen.

Coaching

Da wir eine Fortbildung im Lösungsorientierten Ansatz genossen hatten, führten wir ein wiederkehrendes Coaching ein. Dort besprachen wir die schulischen Ziele der Jugendlichen und vereinbarten mit ihnen Teilziele, die sie erreichen wollten z.b. auf dem Weg zum Hauptschulabschluss oder einer besseren Mathenote und reflektierten ihre Stolpersteine und benötigten Unterstützungen.
Diese Gespräche waren Einzelcoachings, immer nach jeden Ferien.
Die individuelle und detailliertere Zielsetzung erfolgte dann wöchentlich bis täglich, orientiert an ihren Großzielen.
Damit die Jugendlichen selbstständig weiterarbeiten konnten und nicht, nach einem Coaching, in die passive Haltung verfielen, nahmen wir uns die konkreten Unterrichtsinhalte vor und passten sie für diesen neuen Grundgedanken an.

Unterrichtsmaterialien

Einen wichtigen Teil nahmen die transparenten und vorstrukturierten Unterrichtsinhalte ein.
Da unserer SchülerInnen oft dem Regelschulstoff hinterherhinkten und massive Ängste beim Lernen und Vermeidungsstrategien im Umgang mit hierarchischen Aufgabensetzungen hatten (ein Schüler sagte mal zu mir: „Herr Truckses, sie müssen mich zu Mathe peitschen, so richtig, am besten mit dem Gürtel, sonst mache ich gar nichts.“ Seine Herausforderung lag also darin, sich selbst zu motivieren.), boten wir die Inhalte in Form von Lerntheken angepasst an ihre gesetzten Ziele an. Zudem hatten wir eine massive inhaltliche Reduktion vorgenommen, da wir merkten, dass wenn die Jugendlichen einmal das Lernen bejahten, die Inhalte deutlich schneller aufgenommen werden konnten (ist ja auch neurowissenschaftlich belegt).

Wir entwarfen Übersichten zu den Hauptfächern, strukturiert nach Bereichen (Mathe) und Kompetenzen (Deutsch). Diese erhielt jede.r Schüler.in in einem eigenen Ordner:

Zu jedem Bereich fassten wir Aufgaben abhängig vom Schwierigkeitsgrad bzw. Klassenstufe(n) zusammen. Dazu hatten wir etliche Bücher durchforstet, gute Arbeitsblätter, etc. und auf einem Blatt für jeden Bereich und jedes Level niedergeschrieben, wo welche Aufgabe zu finden ist.
Die Jugendlichen nahmen sich dann an einem Tag einen Bereich und ein Level vor, nahmen sich das entsprechende Blatt aus einem Ordner und arbeiteten sich in den jeweiligen Büchern durch die entsprechenden ausgewiesenen Aufgabenseiten durch. Wenn er.sie nach ein, zwei oder mehr Etappen die jeweiligen Aufgaben geschafft hatte (er bekam natürlich bei Bedarf individuelle Unterstützung von uns oder anderen SchülerInnen und auf Wunsch das Lösungsblatt) und er.sie sich bereit fühlte, die Prüfung abzulegen, konnte er diese beantragen.

(btw: durch diese Differenzierung konnte jede.r seine eigene Lernstanddiagnose recht schnell selbstständig durchführen.)

Klassenarbeit und Zertifikat

Er bekam dann sein Arbeitsblatt und entsprechend Zeit (je nach Background mehr oder weniger oder zeitlich ganz unbegrenzt) und schrieb seine Arbeit.


Wenn er fertig war, überprüften wir das Ergebnis.
Er.sie bekam dann ein entsprechendes Zertifikat mit Note (Gold, Silber, Bronze) und der zurückgegeben Arbeit, die er.sie in seinen Ordner einheftete. Wenn er.sie eine gewisse Anzahl an Punkten nicht erreichen konnte, musste er.sie nochmal an die Übungen ran (wir hatten für diesen Fall auch Zweitprüfungen vorbereitet).

Für sein Übersichtsblatt bekam er einen Aufkleber und er hakte damit den jeweiligen Bereich (z.b. Körper LV 1) ab.
Dadurch konnten sie SuS eine eigene Übersicht über alle Themen gewinnen, selbst sehen was ihnen noch fehlt und wo sie stehen, selbst wählen, was sie als nächstes machen wollten (oder ggf auch etwas wiederholen) und in ihrem eigenen Tempo voranschreiten. Zudem war eine Unterrichtsvertretung, wenn jemand von uns krank war, kein Problem mehr.
Der kleine Gamificationfaktor nebenbei war natürlich auch toll. (Für manche brauchte es sogar noch mehr extrinsische Motivatoren.)
Wir konnten dadurch auch das Ziel für den Hauptschulabschluss recht gut transparent klarmachen. Wer diesen machen möchte, benötigt die gemachten Prüfungen in Level 2 und Level 3. Je mehr Gold, desto besser.

In Deutsch und Englisch verlief es recht ähnlich, da nur mit anderen Begriffen und Aufgaben (mehr projektorientiert, also „Sprechen und Präsentieren“ bspw war eine Buchvorstellung):

Ein Schüler sagte mal zu mir: „Herr Truckses, sie müssen mich zu Mathe peitschen, so richtig, am besten mit dem Gürtel, sonst mache ich gar nichts.“ Seine Herausforderung lag also darin, sich selbst zu motivieren. Da ich als Lehrer durch unser Konzept nicht mehr zwischen ihm und den Aufgaben stand, musste er sich dann direkt mit sich und seiner Motivation – und letztlich mit den Aufgaben an sich auseinandersetzen.

Dies als keiner Abriss (und für mich ein Rückblick).
Sollte etwas unklar geblieben sein, könnt ihr gerne nachhaken.