#CoronaSchule: Wie wird das Staffelfinale und was war nochmal Differenzierung?

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Wir Menschen leben gerade in unterschiedlichsten Lebenswelten und entsprechenden täglichen Herausforderungen, Zeiten für Leidenschaften und existenziellen Familien- oder Berufsfragen. Eigentlich ist das immer so, nur im (Schul-)Alltag suggeriert uns die gerahmte einheitlich geregelte und strukturiert vorgeplante Zeit, dass wir nicht so unterschiedlich sind. So viel Raum für grundlegende Lebensfragen bleibt kaum und sich für individuelle Bedürfnisse die Zeit zu nehmen, die manche benötigten, gelingt auch nicht immer.

Ich habe den Eindruck, dass ein überraschend großer Teil der Gesellschaft gerade (neben dem Stress) entdeckt, was im Leben ausreicht bzw. was jedeR braucht, um glücklich zu sein. Das kann weniger Geld sein, weniger Konsum,weniger Unternehmungen, mehr Bücher, mehr Gespräche – insgesamt weniger, dafür intensiver und bewusster. Vertiefter.

Durch den gesellschaftlichen Fokus auf Fortschritt und Wachstum, der natürlich das System Schule längst ergriffen hat (bzw zustande gebracht hat) und die diese Art zu leben (re-)produziert, fürchten wir um das Auf-der-Stelle-Trampeln auf der Rennstrecke Bildung. Doch worum sollte es eigentlich gehen auf dieser Wegstrecke Bildung, die wir unseren Kinder durch unser Gesellschaftssystem zur Verfüfung stellen. Und wer darf darüber entscheiden? Warum lassen wir in unserem Alltag so wenig Raum, dass jedeR mitdenken kann, in dem, was wir als Gesellschaft uns wünschen für ein erfülltes (Schul-)Leben? Warum gibt es im coronafreien Alltag weniger Zeit für Vertiefungen und intensive Beschäftigungen mit Dingen, die einem eigentlich wichtig sind?

„Schule ist eine Serie mit 13. Staffeln und das Staffelfinale muss stattfinden.“

Der Aufschrei #SchulboykottDE und die vielen Fragezeichen von LehrerInnen und Eltern, wieso die Prüfungen einen so hohen Stellenwert jetzt einnehmen, ist nachvollziehbar. Ich finde dennoch die Entscheidung der Kultusministerkonferenz richtig – in dem System in dem sie denken. Schule ist eine Serie mit 13. Staffeln und das Staffelfinale muss stattfinden. Die Serie lebt nicht von individuellen Charakteren, sondern von eine vorhersehbaren Storyline – jedeR muss die Serie trotzdem anschauen. Gehört zur Allgemeinbildung.

Würde wir in einem Schulsystem leben, in dem die Bildungsbedürfnisse der Kinder und Familien, also die individuellen Voraussetzungen und Lebensziele der Menschen im Mittelpunkt stehen würden (man nennt das meinem Verständnis nach Differenzierung, längst wieder vergessenes Ziel), wäre die Entscheidung jetzt eine andere gewesen. Da bin ich sicher.

GENREWECHSEL

Da ich gerne konstruktiv kritisch und realisierbar utopisch bleiben möchte, schlage ich deshalb für die Zeit nach den Prüfungen folgendes vor:

Wir sollten den Lehrkräften und Schulleitungen an den einzelnen Schulen die Umsetzung der Hygiene- und Sicherheitbedingungen (die sicherlich immer wieder nachjustiert werden müssen) weiterhin zutrauen und ihnen zusätzlich anvertrauen, dass sie die Entscheidung, wen sie wann und wie betreuen und begleiten, selbst treffen und organisieren (müssen). 

Die jetzige Entscheidung des KM geht schon in diese Richtung, nur sie muss ausgeweitet werden auf das wen und wie .
Dann haben die Schulen den möglichen und aber auch verpflichtenden Handlungsspielraum, um mit ihren SchülerInnen und deren Familien ins Gespräch zu kommen. Geht es euch gut? Geht es dir, Kind, gut? Wer benötigt dringend welche Art von Bildung/Unterstützung/Begegnung…? Wozu benötigt ihr gerade den pädagogischen Lernort Schule (egal ob analog oder digital) und die verbeamteten Lehrkräfte, die ihr als Familien durch Steuergelder bezahlt? Sollen sie gar lieber in Kurzarbeit?

Die KMK hat die Beantwortung dieser Fragen für zu viele Menschen übernommen und damit nur auf das bekannte Staffelfinale verwiesen. Vergessend, dass gerade jede Familie ganz andere Cliffhanger lebt. 
Manche brauchen gerade einfach ihr Zuhause und ihre Zufluchten in Familie, Garten, Computer. Manch andere brauchen dringend Entlastung, kreative ablenkende Ideen von ausgebildeten Spezialisten in didaktisch klug aufbereiteten Challenges, (Schul-)Aufgaben, Spielen oder ein kritisches Gegenüber.

Ich finde, dass eine demokratische Gesellschaft die Entscheidung auch in der Frage „Wie soll deine Bildung aussehen? Wie möchtest du deine Bildungs- und somit auch Lebenszeit nutzen?“ mehr ihren einzelnen Menschen zutrauen sollte (vielmehr ist es nämlich im ersten Schritt nicht). Die Summe der einzelnen Antworten auf diese Fragen sollte einer demokratischen Gesellschaft Charakter verleihen. Und erst recht einer Schule.
Und die Menschen dieser Gesellschaft sollten auch Lehrkräften zutrauen, dass sie diesen Beruf gewählt haben, weil sie die Kinder bestmöglich begleiten wollen bei der Beantwortung und Ausgestaltung ihrer Entscheidungen und Bedürfnisse. Auch und gerade in Bildungsfragen. Und auch in dieser schwierigen Zeit.

Ich sehe über meine persönliche SocialMedia-Blase viele kreative und kollaborierende Menschen in Schulen, die den Herausforderungen durch die ungewohnte Unsicherheit mit einer unendlich aufbrechenden Vielfalt an Projekten und Ideen begegnen. Ich glaube hier liegt der schon jetzige Gewinn: eine erzwungene Reform durch das nicht mehr mögliche Aufrechterhalten des Typischen. Plötzlich stehen wir vor einem System der Möglichkeiten. Ich wünsche mir, dass die Kultusministerien das sehen und den Schulen noch mehr Entscheidungs- und Gestaltungsräume zutrauen.