Die Debatte um die Klassengröße sollte Klassen auflösen

Wenn wir Schule neu denken möchten, kann der kritische Blick auf die feste Institution „Klasse“ ein Ansatzpunkt sein.

Bisher vereint eine Lehrperson unendlich viele Rollen (Lehrerin, Streitschlichterin, Betreuer, Vorbild, Projektionsfläche,…) für eine feste Anzahl an ihr zugewiesenen SchülerInnen. Diese sitzen in ihrer Klasse, sie ist für sie und ihre Lernprozesse verantwortlich. Zudem gibt es noch ein paar Lehrpersonen, die durch Klassen wechseln und dort vor allen Dingen Stoff vermitteln bzw. didaktisch aufbereiten.

Wenn wir das Lernen in Schule verändern möchten, sollten wir die neuen Kommunikations- und Kollaborationsmöglichkeiten (auch durch die Transformation durch Digitalisierung) out of the box denken. Das heißt hier: out of the Klassenzimmer!

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Im lebenslangen Lernen mit den Möglichkeiten der Digitalität sind wir es gewohnt, uns aus einer Vielzahl an twitternende, bloggenden oder youtubenden Menschen diejenigen herauszusuchen, die mir Chance zum Anknüpfen mit meinen Fragen bieten. Ich entscheide, wem ich folge und wieviele Inhalte wie tief mir meine Timeline bietet. Und wann ich zu welchem Tool wechsele.

SchülerInnen haben diese Möglichkeit in der Schule (noch) nicht!

Schule neu zu denken bedeutet, die Rollen der Lehrpersonen auszudifferenzieren und aus dem Klassenzimmer hinaus in das System Schule neu zu verteilen. So dass SchülerInnen ihre Lernwege in der gesamten (!) Schule eigenverantwortlich in die Hand nehmen können/müssen und dabei begleitet werden können.
Daus könnten sich zb. folgende notwendigen Rollen ergeben:

Coach/Begleiterin

Settings von 1:1 sollten möglich bzw fest institutionalisiert sein. Dort hat der Schüler die Möglichkeit gemeinsam mit einem von ihm gewählten „Lehrer“-Coach darüber nachzudenken, welche Lernziele, welche Themen, welche Herausforderungen gerade für ihn existieren und wie er seine eigenen Ressourcen nutzen kann, um die nächsten Schritte zu gehen. (Hilfreich dafür sind die Ansätze des Lösungsorientieren Arbeitens, in der Schweiz teilweise schon öfters in Schulen implementiert.)
Das Ziel sollte klar sein, dass der Schüler lernt, für sich und seinen Lernweg selbstverantwortlich sein zu können, sein Stolpern reflektieren und seine Ziele erreichen zu können.

Unterrichtende

Hier bieten Lehrerinnen regelmäßig Kurse an. Größe der Teilnehmenden richtet sich nach dem Interesse der Interessierten, notfalls muss ein größerer Raum ausgewählt oder zwei Kurse angeboten werden. Vieles kann gut in einem Vortrag vor Interessierten angeboten werden, wenn es ohnehin um klare Faktenvermittlung und nicht nur um entdeckendes Lernen geht.
Ein Vortrag oder Kurs mit freiwilligen Interessierten senkt Störungen gegen null.
Dass auch Schülerinnen Unterrichtende sein können versteht sich von selbst.

Betreuerinnen:

In Gängen und auf Schulhöfen benötigt man Personen, die für die Kinder und Jugendlichen da sind und sich anbieten. Als Ansprechperson bei Fragen, bei Konflikten und natürlich auch aus Gründen der Aufsicht.
Die notwendige Anzahl richtet sich u.a. an der Größe und Komplexität des Schulgebäudes und der Anzahl der SchülerInnen aus.

Lernbetreuende:

Eine weitere Person kann wichtig für die Anwesenheit an Lern- oder Rechercheorten sein. Dort steht sie bei Fragen oder auftretenden Problemen (technisch, inhaltlich,…) zur Verfügung. Auch bei auftretenden Gruppenschwierigkeiten kann sie vermittelnd und unterstützend zur Verfügung stehen.

Konfliktlösende:

Ohne Konflikte keine Gemeinschaft und keine Schule. Es benötigt gut geschulte Erwachsene (die natürlich ihr Wissen an SchülerInnen weitergeben), die (auch hier gemeinsam mit SuS) bei auftretende Konflikten zwischen Schülerinnen und Schülern, zwischen Unterrichtenden und Schülern vermitteln.
Hier reicht ein oder mehrere kleinere Teams, die regelmäßige Zeiten für solche Mediationsgespräche eingeplant haben.

Es gibt sicherlich je nach Schule noch mehr sinnvolle und notwendige Rollen (IT-Expertin, Elternkontakt,…).
Ein rotierendes bzw gleichzeitiges System, in dem jede Angestellte verschiedene Rollen im Laufe eines oder mehrer Schuljahre einnimmt, erhalte ich für sehr sinnvoll.

Klassenzimmer sind überholt. Lasst uns lieber überlegen, wieviele Menschen in welchen Rollen es braucht, um eigenverantwortlich Kinder und Jugendliche zu begleiten. Ich denke, der bisherige Schlüssel ist gar nicht mal so schlecht, wenn man Verantwortung mit ihnen teilt.
Die Antworten können übrigens einzelnen Schulen besser finden, als „das System Schule“.