Lernverluste gibt es nicht.

Ich gehe hiermit auf folgenden indirekten Aufruf von Christoph Schmitt ein:

In meinen rund zehn Jahren als Lehrer machte und mache ich immer wieder die Erfahrung, dass das Entscheidende über das erfolgreiche Erreichen eines Schulabschlusses nicht die Zeit ist, mit der sich ein Mensch damit beschäftigt, sondern die Entscheidung, diesen zu machen.

Ich habe hierfür leider nicht mehr zu bieten als meine eigenen Beobachtungen.*
Diese beruhigen mich jedoch so sehr, dass mir selbst ein Jahr Corona-bedingte Schul-Pause als überhaupt nicht problematisch erscheinen würde.
*über Hinweise zu wissenschaftlichen Arbeiten dazu freue ich mich.

VOn der Schulverweigerung ZUM SCHULABSCHLUSS

In meiner Zeit an einem Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum (SPBBZ) für Menschen mit Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung begegneten mir viele Jugendliche, die im Ort Schule vieles sahen, aber keinen Lernort (zumindest nicht im dafür konstruierten Sinne). Er war Begegnung- und Diskussionsort mit anderen jungen Menschen, mit anders sozialisierten und lebenden Erwachsenen und auch Themen, die außerhalb des eigenen Interesses standen. Was sie nicht bearbeiten und vertiefen wollten (und auch konnten), waren meist die vorgegebenen Inhalte des jeweiligen Schulunterrichts. In Folge störten sie, wurden mehrfach ermahnt, es eskalierte. Einmal, zweimal, mehrfach und irgendwann flogen sie von der Schule. Wieviel Zeit sie wohl nicht mit „lernen“ verbrachten? Solange wie beim „Lockdown“? Ein halbes Jahr? Vier Jahre?
Sie strandeten im SPBBZ. Dort landeten auch manche Jugendliche, die Förderbedarf „Lernen“ diagnostiziert bekommen haben. „Der schafft niemals einen Hauptschulabschluss“, sagte meine Kollegin über den Jugendlichen, der mit acht Jahren seinem Vater und seinem Bruder beim Trinken zugesehen hat.

The point is:
Alle Jugendlichen dort, die irgendwann beschlossen haben, dass sie den Abschluss machen möchten, machten ihn. Manche benötigten ein oder zwei Jahre länger als regulär vorgesehen. Manchen gelang es besser und manchen weniger gut, das Verpasste aufzuholen oder zu verstehen.
Ausschlaggebend war der Punkt, an dem sie beschlossen hatten, diesen Abschluss zu machen und dafür zu lernen. Dann wurden meistens aus „störenden“ und „auf Konfrontation ausgerichteten“ Jugendlichen konzentrierte junge Erwachsene.
(Meiner Meinung nach nennt man diese Art des Raum- und Zeitlassens Inklusion – wenn es meist auch nur an exklusiven Lernorten so praktiziert wird.)
Randnotiz: längst nicht alle machten dort den Abschluss. Ein Teil flog auch von dieser Schule, ein Teil landete im Jugendgefängnis, …

Vom FREIEN LERNEN zum selbstgewählten Schulabschluss

Seit vier Jahren bestätigt sich mir erneut immer wieder, dass das bewusste Bejahen eines Abschlusses weit wichtiger ist, als das scheinbare kontinuierliche Schullernen.
Es gibt junge Menschen, die – wenn ihnen die Freiheit gelassen wird zu entscheiden, was sie lernen möchten – den vielen abstrakten und theoretischen Inhalten des Bildungsplanes nichts abgewinnen können. Die angebotenen Formen der Welterschließung passen nicht zu ihrer eigenen Art der Erkundung, die vorgegebenen Inhalte von Lehrkräfte (auch wenn sie noch so sehr vom Schüler aus denkenwollen) sind nicht so wichtig, wie die Inhalte, die sie selbst interessieren.
Manche entscheiden sich erst nach Jahren beschäftigt sein mit anderen Dingen, dass sie einen Schulabschluss wichtig finden und dann beginnt das, was man aus klassischer Lehrer*innen- und Elternperspektive unter „Lernen“ versteht: die Zuwendung zum Schulstoff.
Das scheinbar Magische: die Aufnahme der Inhalte und Kompetenzen geschieht schnell, meist störungsfrei und mit einer oft rasanten Lernkurve. Manch ein Jugendlicher, der mit 13 Jahren noch wenig selbst handschriftlich geschrieben hat, kann in zwei Jahren problemlos die Strukturen einer Textbeschreibung Prosa lernen und seinen eigenen Schreibstil entwickeln. Warum? Weil er will.

Warum funktioniert das?

Wir konfrontieren einige Menschen zu früh mit Inhalten, die sie noch nicht verstehen können und ihnen persönlich nichts nutzen. Deswegen müssen wir sie auch in zig Einzelteile zerlegen und über Schuljahre hinweg sukzessive hinzugeben (in der mühevollen Hoffnung irgendetwas kommt an).
Wenn ein Mensch sich hingegen bewusst einem Inhalt zuwendet, um ihn zu verstehen, kann das Erlernen deutlich schneller und mit komplexeren Ebenen geschehen.

Warum? Weil Lernen immer und überall stattfindet: Menschen lernen und erweitern ihre Kompetenzen ohnehin immer und überall. Wenn sie nicht das Arbeitsblatt des Lehrers lesen, lesen sie die Beschreibungen eines Gegenstanden in einem Onlinegame. (Problem des Jugendlichen: dieses Lesen zählt nicht als für das Schulsystem relevantes Lernen.)
Schulwissen ist oft Fachwissen: Einige Inhalte, mit denen wir Menschen in Schule konfrontieren, beruhen auf einem sehr spezifischen, teils sehr abstrakten und theoretischen Beschreibungsmodell von Welt. Am Beispiel Sprache kann man das sehr gut deutlich machen. Wenn Menschen Sprachen lernen möchten, dann möchten und machen sie das, um sprechen zu können. Oder um Geschichten schreiben zu können. Kein Kind braucht dafür Fachbegriffe wie „Adverbialen Bestimmung des Ortes“ und selbst „Subjekt“ ist dafür nicht notwendig. Wenn einen Menschen das interessiert und er diese abstrakte Ebene zu verstehen bereit ist, dann kann diese durchaus legitime und wichtige Ebene von Sprachverständnis rasch erlernt/vermittelt werden. Das geht aber auch noch mit 15, 25 oder 55 Jahren.
Das subjektiv praktisch Erlebte kann dann um objektive theoretische Begriffen erweitert werden. Was für das gesellschaftliche Erschließen der Welt wichtig ist.

Was heißt das?

Angst und Panikmache sind gerade die falschen Gefühle, mit denen Jugendliche (und auch Eltern) begegnet werden sollte. Vielmehr sollten wir ihre Perspektive auf die Welt als wertvolle Lernperspektive ernst nehmen: Womit beschäftigst du dich gerade während eines Schul-Lockdowns? Welche Fragen beschäftigten euch gerade in Bezug auf Corona? Was hast du gestern gemacht? Warum findest du dieses TikTok-Video lustig? …
Wenn junge Menschen ihre Welterschließung als wertgeschätzt erleben, sind sie auch mit zunehmendem Alter bereit, andere Perspektiven auf die Welt einzunehmen und als für sich interessant zu entdecken und zu erlernen. Dann ist der Schulabschluss (auch wenn er wohl noch ewig lange viel Inhalte vorschreibt, die nicht für jedeN notwendig sind) eine kleine Hürde, die man überwinden kann.**
**diese Art von selbstgewähltem erfolgreichem Schullernen setzt Lehrer*innen (und ein Schulsystem) voraus, die vertrauen, zutrauen, aufmerksame Zuhörer*innen und dann bereit sind, Menschen etwas beizubringen, wenn sie das möchten.