Eigenverantwortung für die Gesellschaft lernen.

Wir haben nie gelernt mit unseren Menschenrechten umzugehen.

In der Pandemie zeigt sich, welche Menschengruppen über welche Menschengruppen in Krisensituationen verfügen. Das Motiv ist Hilfe und Unterstützung, geht allerdings meist mit Bevormundung einher und führt zur Einschränkung von Freiheits- und Selbstbestimmungsrechten. 

Besonders in sozialen Einrichtungen und Institutionen ist dies immanent: Gerontologen beklagen derzeit, dass in Pflegeeinrichtungen und Altersheimen ältere Menschen oft von sozialen Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen betroffen sind und sie wenig eigene Entscheidungen treffen können. 

Dieses Entscheiden-über ist auch in der Schule (auch schon vor Corona) gelebte Normalität. Eine Menschengruppe, der das Recht zugesprochen wird und auch die aufgrund ihrer Arbeit die Pflicht dazu zu haben scheint, urteilt über eine andere Menschengruppe, was richtig und gut für diese ist.

Damit sind in der Schule oder in Altersheimen Arbeitende nicht allein. Auch in anderen Kontexten mit sozialen Vorzeichen findet das statt. Felwine Sarr beschreibt in seinem Buch „Afrotopia“ über die Bemühungen den afrikanischen Kontinent zu modernisieren: „…auch in diesem Fall hantelt es sich um die Träume anderer inmitten eines nächtlichen Schlummers, bei dem die Hauptbetroffenen nicht zum kollektiven Träumen eingeladen sind.“

Die Soziale Arbeit bemüht sich seit einigen Jahrzehnten um eine Reflexive Professionalität, in der besonders Dewe und Otto auf die Bedeutsamkeit und die Mitsprache der Adressat*innen sozialer Hilfe hinweisen. Unterstützung muss von und mit diesen aus gedacht werden und mit ihnen zustehenden Rechten verschränkt werden. Was sich in der Sozialen Arbeit und auch in vielen modernen systematischen Coachingsettings langsam durchsetzt, ist im Bereich Schule noch in weiter Ferne. 

Den Umgang mit unseren Menschenrechten können und sollten wir jedoch in der Schule lernen. Sie ist das Embryo zukünftiger demokratischer Gesellschaften. Besonders die Herausforderungen mit persönlichen Freiheit in der dialektischen Verschränkung mit gesellschaftlicher Verantwortung als diese zu begreifen, sie zu beurteilen und handeln zu können, ist das, was wir nicht oder zumindest kaum gelernt haben. Sozial Handelnde bevormunden „weil ich weiß, was gut für dich ist“. Kindern, Älteren und oft auch Migrant*innen oder ökonomisch Schwächeren werden Selbstbestimmung oft abgesprochen – von Menschen, die sich als „Bildungsschicht“ begreifen (und nebenbei auch ihre Lebensweise/Inhalte als das beste zu lernende Ziel für alle ansehen und in Schule aufgezwungene „Lern“-Praxis ist.).

Schule muss der Ort sein, wo Menschen lernen, mit individueller Freiheit und der Verantwortung von Selbstbestimmung umzugehen! Menschen, die in Schule arbeiten, können und müssen hingegen Gegenüber sein, Mitdenkende und Unterstützende, so dass dieser Weg aus eigener Kraft und mit selbstgewählten Zielen erreicht werden kann (oder auch ein Scheitern zu reflektieren und neue Ziele zu erkennen). Daher: gemeinsam neue Gegenwart und Zukunft denken.

In der Pandemie konzentriert sich das: wenn Menschen in der Schule gelernt haben, dass über sie entschieden wird und ggf auch Regelungen über sie getroffen werden und sie sie nur durch hierarchisches Eingreifen selbst „verstehen lernen“, greifen sie auch in anderen Settings (als Sozialarbeitende in Altersheimen, in der Entwicklungshilfe, etc.) und jetzt aber in der Rolle des „Entscheiders“ auf diese Methoden zurück. 

Wenn wir in der Schule lernen gemeinsam Probleme zu besprechen, individuelle Sichtweisen mit einbeziehen und dennoch gemeinsame für alle geltenden Regelungen (und sogar mögliche Sanktionen) treffen, gelingt es uns eher individuelle Freiheiten und gesellschaftliche Aufgaben zu verschränken. So kann der Sinn von Freiheitseinschränkungen zum Wohle der Gesellschaft nachvollziehbar gemacht werden. Mehr Freiheit zur selbstständigen Eigenverantwortung und Beteiligung bei gesellschaftlichen (hier auch: schulischen) Regelungen erhöht die Akzeptanz von Maßnahmen, auch wenn sie persönlich einschränkend sein mögen. 

Damit müsste (hoffentlich) seltener Freiheit gesetzlich eingeschränkt werden, da der Sinn nachvollziehbar ist und sich Menschen daran halten.