Fragen statt klicken

Dass SchülerInnen die selbstbestimmten Chancen beim digitalen Arbeiten nutzen, um sich hinter deaktiverten Kameras ein Brot zu schmieren oder vielleicht sogar die Augen zu schließen, ist vielleicht das Ergreifen und Erproben einer Chance, die ihnen sonst im Schulalltag selten möglich ist. Während wir Erwachsenen über die eingeschränkte Bewegungs- und Entscheidungsfreiheit unserer Grundrechte diskutieren, kommen SchülerInnen in den seltenen Genuss ihre Lern- und Präsenszeit selbst einteilen zu können, zu müssen bzw. zu wollen. Dies über Kontrolllisten und Strafmaßnahmen zu regeln, vergeudet die Chance gemeinsam Lernen zu reflektieren und die jungen Menschen durch pädagogische Begleitung als selbstständige und eigenverantwortliche Lernende ernstzunehmen.

Ausgangslage

Mit zunehmender Dauer des digitalen Fernunterrichts treten zunehmend Konflikte und Störungen in Videkonferenzen auf. Das ist nicht verwunderlich und deutet eher auf eine Normalisierung des neuen Rahmen hin. Konflikte gehören in sozialen Systemen zum belebenden Miteinander dazu.

Die digitale Werkzeuge geben LehrerInnen durch Adminrechte noch mehr Handlungsmacht, als sie ohnehin schon durch ihre Rolle als Lehrkraft inne haben – welche Alternativen gibt es allerdings, die im digitalen und während einer Krise wichtiger sind, als im analogen Schulalltag ohnehin? Was tun, wenn ausgeschaltete Kameras oder fehlende SchülerInnen die Regel werden? Oder wenn Hausaufgaben nicht wie vereinbart gemacht werden? Oder jemand kaum noch im Unterricht präsent ist?

Die Antworten lassen sich nur gemeinsam finden. In einem pädagogisch begleiteten Austausch.

Umgang mit Kamera und Mikrofon

Die möglichen Lösungen sind breit – allen sollten allerdings eine gemeinsame Einigung vorangehen. Auf welcher Ebene diese Diskussion und Abmachung geführt wird, hängt von den jeweiligen Schulsystemen ab. Für Schulen mit gelebten Schulversammlungen ist diese eine guter, möglicher Rahmen – es kann allerdings auch jede Klasse oder jeder Kurs/Fach für sich eine eigene Vereinbarung treffen. LehrerInnen sollten dieser Frage Raum geben. Wie? Oft fühlt sich die Lehrkraft daran gestört, darum sollte sie es ansprechen: „Es fühlt sich für mich komisch an, in schwarze Quadrate zu sprechen…was denkt ihr, wie geht es euch damit?“ Es kann auch gemeinsam ausprobiert werden: ich habe schon tolle Stunden gehabt, in denen auch ich die Kamera ausgeschaltet habe (Clubhouse Atmosphäre) und wir dies danach gemeinsam reflektierten. Egal ob „Wer spricht, hat die Kamera an!“ oder „Alle machen die Kamera an“: Die Lösung muss zum Ziel haben, dass sie für alle in Ordnung ist, gemeinsam vereinbart ist und daran erinnert wird. 

Diese Diskussion kann für Lehrkräft auch Reflexionsmomente haben: rede ich am meisten/zu viel (brauche ich dauernd Menschen die mich anschauen, während ich rede?), gebe ich genügend Raum für Diskussionen („Wenn wir diskutieren, sollen alle, die mitreden möchten, die Kamera anmachen.“) ,….

Umgang mit Konflikten und Störungen

Der Klick auf „TeilnehmerIn entfernen“ ist mEn ein No-Go, wie auch sonst das „Aus-dem-Klassenzimmer-werfen“. Gerade in diesen Zeiten ist das direkte Gespräch die wertvollste und gewinnbringendste (auch gewaltfreie) Methode. Am besten sogar, via Telefon. Dort sollte auch die herausfordernde Pandemie-Situation und die Suche nach „Was brauchst du, um gut Mitarbeiten zu können?“ im Vordergrund stehen, nicht Drohungen (Die Forderung „anwesend, still sitzen, zuhören“ ist in der Schule und auch digital kein akzeptabler Rahmen, weder für ausgebildete PädagogInnen noch für positive Lernerfahrungen). Sollte im Zweiergespräch die Irritation bzw der Konflikt zwischen Lehrkraft und Schüler/-in nicht geklärt werden können, sollte auf schulinterne Werkzeuge zurückgegriffen werden (StreitschlichterInnen (!), „Justizkomitees“, …). Eine dritte unabhängige Personen, die als Mediator dient, ist auch auf L-S-Konfliktebene dringend zu empfehlen!

Umgang mit nicht Präsenten

Auch hier ist ein persönliches und regelmäßiges Gespräch das angemessenste Werkzeug. Und auch hier gilt: „Wie geht es dir?“, „Was brauchst du?“, „Kann ich dir helfen?“ Diese Krise ist für niemanden leicht, für manche Elternhäuser und Familien sehr belastend. Das „Funktionieren“ sollte besonders für Kinder und Jugendliche sekundär sein. Noch viel bedeutender als das auch im normalen Schulalltag ist, ist die Unterstützung und Begleitung bei der Selbstreflexion für sie wichtiger, als noch ein ausgefülltes PDF Arbeitsblatt mehr. Auch hier bietet sich die Vereinbarung mit der ganzen Klasse an: möchtet ihr lieber mehr Einzelgespräche/ -mentoring oder lückenlosen Videounterricht. Dass die realistische Kraft und Zeit der Lehrkaft Teil der Diskussion sein muss, finde ich selbstverständlich!

Sollte ein Schüler oder eine Schülerin kaum bis gar nicht erreichbar sein, ist ein rechtzeitig vereinbarter, kurzer (!) „Runder Tisch“ sehr hilfreich! Gemeinsam mit einem Kollegen oder einer Kollegin und der Mutter / dem Vater des Jugendlichen, gemeinsam der Blick auf: „Woran hängt es gerade? Was kann dir helfen? Wer kann helfen?“ Kleine Schritte, kleine Ziele. Meist ist ein gemeinsames lösungsorientiertes (!) Draufschauen bereits sehr gewinnbringend. 

Kraft der Lehrkraft

Ja, pädagogische Arbeit kostet Zeit. Diese ist in unserem leistungsorientierten Schulsystem Mangelware. Dennoch: einen Konflikt einmal in Ruhe gemeinsam anzuschauen, ist nachhaltiger, als sich immer wieder im selben zu verkämpfen. Mit einem Schüler über seine Motivation zu sprechen und nach Unterstützungsmöglichkeiten zu suchen, hilft ihm länger und konzentrierter an seinen Zielen dranzubleiben. Hier gilt: so wenig Muss wie möglich, so viel Eigenverantwortung wie möglich – das entlastet die LehrerIn und bevollmächtigt den / die SchülerIn.

Vor einigen Tagen hatten wir abends einen runden Tisch mit einem Schüler im Abschlussjahrgang und dessen Mutter – drei LehrerInnen. Es ging eine Dreiviertelstunde. Nach dem Wochenende ging er wie vereinbart auf die Kollegin zu und sagte ihr: „Ich habe nach dem Gespräch das ganze Wochenende nochmal über mich und die Schule nachgedacht. Ich habe mich jetzt nochmal bewusst entschieden: Ich möchte die Prüfung wirklich machen. Und ich bin so froh, dass ihr mir alle nochmal Unterstützung angeboten habt, ich fühle mich gesehen und ich freue mich jetzt auf die letzten Monate.“ Er hat die Verantwortung wieder ganz genommen – wir haben nur gefragt, ob er sie möchte.

Menschen in dieser Lernhaltung brauchen weniger Betreuungs- und Begleitungszeit beim Lernen an sich – ein Hinweis auf YouTube-Videos oder Übungsaufgaben zum eigenverantwortlichen Vertiefen reicht dann oft. Und das entlastet LehrerInnen enorm. Pädagogische Zeit ist wertvoll investierte Zeit.


Anmerkung: Generell erlebe ich die Arbeit in Videokonferenz und beim digitalen Arbeiten enorm konstruktiv und zielführend. Störungen sind selten. Hier finde ich den Raum für lockeren, informellen Austausch und „Zusammensein“ oder in kleinen Gruppen in Breakout-Räumen abhängen können, eine gute, unaufwändige und durchaus wichtige Form der Entspannung, von Begegnung während der Pandemie besonders für vereinzelte SchülerInnen, der Gemeinschaftsbildung und dem Aufrechterhalten von Beziehungen.